Gewichtheben – Frauen-Power

Als Christina Spindler und Stephanie Haspel zusammen mit Julia Schwarzbach beim Finale der 2. Bundesliga ihren nach dem Reißen gegenüber Grünstadt ins Hintertreffen geratenen AV 03 Speyer II wieder in die Spur brachten und somit entscheidend zu dessen „kleiner“ deutschen Meisterschaft beitrugen – wurde deutlich: Das angeblich schwache Geschlecht kann dem „Männersport“ Gewichtheben zur Stärke verhelfen.

Das wurde Zweiflern spätestens bei der vom Athletenverein in Speyer ausgerichteten deutschen Einzel-Meisterschaft 2017 klar, wo der weibliche Teilnehmeranteil den männlichen übertraf. Da zeigte es sich, dass auch Frauen und Mädchen durchaus in der Lage sind, den Umgang mit dem kalten (Hantel-)Eisen zu einer heißen Sache zu machen.

Das ist nicht neu. Verhältnismäßig neu freilich ist, dass Gewichtheben bei Frauen „in“ geworden ist. Was noch vor einigen Jahren kaum vorstellbar war. Nach Angaben von Sabine Kusterer, international erfolgreiche Athletin aus Leimen und Frauenreferentin des dort ansässigen Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG), stemmen in Deutschland mehrere Hundert Frauen, Juniorinnen, weibliche Jugendliche und Mädchen Gewichte, stellen sich dem auch die Beweglichkeit und Koordinationsvermögen fördernden Training in den Gewichtheber-Vereine.

Die Klubs profitieren auf diese Weise von der zunehmenden Beliebtheit des Crossfit, einer Vielzweck-Sportvariante, die auch den Umgang mit Hanteln im Programm hat. Beim Crossfit erkannte Hanteltalente suchen oft Ausbildung in Gewichtheber-Vereinen. 

Dank dessen könnten der eine oder andere Großstadt-Verein wie Empor Berlin und der im Frankfurter Stadtteil Zeilsheim ansässige  ASC eine komplette Damen-Mannschaft aufbieten. Mögliche wäre das eventuell auch dem KSV Grünstadt (wo Mutter und Tochter für die erste Mannschaft bereit sind, Petra Keßler-Lowenstein und Emily Keßler), dem AC Mutterstadt und dem KSC Schifferstadt.

Soweit ist beim AV 03 Speyer noch nicht. Wenngleich aus dem genannten Trio dank des Talents Carolin Wüst ein Quartett werden könnte, mit der Schwedin Patricia Strenius und der Anna Vanbellinghen aus Belgien sogar ein Sextett und somit eine komplette Wettkampfstaffel.

Insgesamt heben in den 30 Vereinen der vier Gruppen der 1. und 2. Bundesliga etwas mehr als 50 überwiegend junge Frauen. 28 davon schafften es in die vom BVDG geführte spezielle Bestenliste. Dort nimmt Patricia Strenius vom AV 03 Speyer mit 151,0 Kilopunkten hinter der Chemnitzer Lettin Rebeka Koha (161,0) den zweiten Platz ein. Für Strenius‘ Vereinskolleginnen Anna Vanbellinghen, Julia Schwarzbach und die erstmals in dieser Eliteliste geführte Stephanie Haspel sind 131,0, 121,0 und 112,0 kp notiert.

In Anbetracht der weibliche „Fülle“ kann sich die BVDG-Frauenreferentin Sabine Kusterer durchaus eine Frauenliga vorstellen. Dass es die kaum jemals geben wird, erklärt sie so: „Da wären wohl die Vereine dagegen. Denn dann würden ihnen für ihre Wettkämpfe in den ,Männerligen‘ ja die Frauen fehlen“.

Während Männer-Gewichtheber seit 1896 in Paris, den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, zu deren Standardprogramm gehört, können Frauen erst seit Sydney 2000 ans olympische Eisen. Vom Internationalen Gewichtheber-Verband IFW anerkannt wurde die weibliche Ausführung am 20. Oktober 1983. Gehoben wird in sieben Gewichtsklassen (Männer acht) in den Kategorien -48 kg bis +90 kg.

Die Frauenhantel ist mit 15 kg 2,01 m Länger und 25 mm Durchmesser „handlicher“ als die Männerhantel mit 20 kg, 2,20 m Länge und 28 mm Durchmesser.  Zudem ist Qualifikationsnorm für Meisterschaften niedriger. Sabine Kusterer: „Das wurde vor Jahren so festgelegt, damit mehr Frauen zu unserem Sport finden“.

In Wettkämpfen wie in den Bundesligen kann das dank der Relativabzugs-Tabelle für die Vereine von Vorteil sein. Weil sie die meist leichteren Frauen bei entsprechender Leistung in eine günstigere Relativ- oder Kilopunktposition bringt als schwerere Männer. - wk